“Metropole an der Isar – München in anderem Lichte” {2}

February 8, 2016 § 2 Comments

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Löwe und St. Kajetan © Liz Collet

Dass und wie oft man mich nicht nur fragt, wie auch ausgerechnet als Anwältin oder als Juristin zur Foodfotografie komme, ist nicht nur eine der Geschichten und Fragen, die ich an anderer Stelle schon beantwortete, aber offenbar unvermindert für viele ein unvereinbarer Widerspruch zu sein scheint.

Tatsächlich aber haben beide Professionen mehr (auch an Passion) gemeinsam, als vielen scheinbar in den Sinn kommen mag. Das hat nicht wenig mit dem mehr oder minder zu Recht wie zu Unrecht verbreitetem Bild über Anwälte und Juristen zu tun. Um nicht zu sagen: Mit Klischees von solchen.

Dass es Standesmitglieder des Berufes gibt, die das Klischee schier leben zu scheinen, tut sein Übriges betrüblicherweise dazu. Manche Berufe erleiden dann ungerechterweise ungleich häufiger das Schicksal als andere Berufe, dass alle über den gleichen Kamm geschoren werden.

Warum das so ist, würde einer tiefenphilosophischer Betrachtung vermutlich manchem lohnen, der dafür einen Forschungsauftrag erhält. Wir könnten dazu auch ein paar hübsche Arbeitshypothesen beisteuern, müssen das aber an dieser Stelle nicht.

Denn so oder so – es ist immer wieder interessant, wie das Gespräch dazu weiter verläuft. Amüsant, interessant. Und aufschlussreich. Wie Menschen andere wahrnehmen und welche (Klischees und Vorurteile und andere) mehr oder weniger zutreffende Eindrücke und Meinungen entstehen und sich verfestigen können. Ohne viele Fakten als Grundlage. Aber flott bereit, Menschen einen Stempel aufzudrücken, den sie aus einem ersten, oberflächlichem und nicht immer unvoreingenommenen Eindruck und Blickwinkel heraus zu haben glauben. Ein Etikett anzuheften, mit dem das Bild von ihm besiegelt scheint — und manchmal ist.

Womit wir wieder recht nahe bei dem sind, womit es der Jurist zu tun hat: Mit der Wahrheit. Oder um genauer zu sein: Bei den Wahrheiten.

Denn – erschrecken Sie nicht – ich bin im Laufe meines juristischen Lebens und nicht nur, aber auch dank der Fotografie, die dazu das Ihre beigetragen hat, immer mehr zu der Erkenntnis gelangt, dass es in nahezu keinem einzigen Punkt nur eine einzige Wahrheit gibt. Jedenfalls keine, die einer für sich allein als die eine einzige und für alle anderen gültige behaupten kann. Darüber lassen sich ganze Bücher schreiben und sogar amüsant und unterhaltsam. Aber dazu an anderer Stelle einmal mehr. 

Zu dem, wie Wahrheit sich (vermeintlich) bestimmen lassen soll, gehört immer auch ein Stück subjektiver Wahrnehmung. Und die kann äusserlich von dem begrenzt sein, worauf Sie objektiv Zugang haben. Und innerlich von dem, was Sie zu sehen und hören und mit anderen Sinnen wahrzunehmen bewusst wie unbewusst willens, bereit und in der Lage sind. Wer eine reduzierte Hörfähigkeit hat, nimmt ohne jegliches Verschulden weniger wahr, als ein anderer und was er bekundet, ohne zu wissen, dass er weniger gut hört als andere, wird immer in seiner Meinung DIE Wahrheit sein und die ganze Wahrheit. Und doch nur ein Ausschnitt derselben. Ohne dass er das selbst merken kann. Auf dieser Wahrnehmung aber fusst seine Meinungsbildung über etwas, zu dem er eine Meinung hat und äussert.

Sie ahnen, worauf das hinausläuft, wenn wir das mit allen Sinnen durchspielen. Und dann haben wir noch lange nicht das Feld erreicht, was alles unsere Wahrnehmung zufällig oder absichtlich beeinflussen kann. Dies alles selbst dann, wenn wir das gerade soeben Wahrgenommene bewerten sollen und wollen.
Das Spiel lässt sich weiter variieren, wenn wir die Grenzen unseres Gehirns addieren, das Wahrnehmungen zurückliegender Zeit abrufen und wiedergeben soll.

Was hat das nun mit dem Bild oben zu tun und lustigen Fragen und Wahrnehmungen, die ich gelegentlich mit meinen Fotoarbeiten erlebe?

Überwiegend verbinden viele meiner Kunden und Kontakte meine Fotos mit Food. Das ist nicht ohne Grund so, denn als mich die Fotografie als Fotografin für Kunden und Agenturen fand und durch flott eintrudelnde Einnahmen fesselte und zwang, schnell weitere und viele weitere Fotos zu liefern, war die Nachfrage nach den Foodfotos die erträglichste und einnahmenstärkste. Und praktisch zudem – ich fotografierte einfach, was eh gebacken und gekocht und zubereitet wurde. Brauchte kein Fotostudio, keine Models, mit denen ich Honorare und Model Release Verträge regeln oder mit denen ich Shootingtermine machen musste. Foodfotos waren schnell der Hauptteil neben den Fotos, die ich eigentlich hauptsächlich machte – Reise, Architektur, Natur und anderes.

Und so sind viele überrascht, die nur das wahrnehmen, was bei Kunden und in Agenturen von meinen Fotos vorwiegend zu sehen ist. Während die anderen Motive eben nicht im Internet oder Agenturen, sondern bei Kunden direkt landet und nur offline in Veröffentlichungen u.a.
Wahrheit hat viel mit Wahrnehmung zu tun. Und ist selbst dann noch sehr relativ.
Dazu gehören auch Bilder und Meinungsbildung der Betrachter von Bildern, die aus der Art der Motive und der Themen darin auf Lebenseinstellungen, persönliche oder religiöse oder politische Meinungen und Haltungen oder gar Zugehörigkeiten eines Fotografen schliessen und sich diese so gebildete Meinung kaum ausreden lassen würden.

So führen die Fotos rund um München und aus München zum prompten Schubs in die Schublade mit dem Babberl “FC-Bayern-Fan”. Und Fotos von Kirchen hier in der Region, die ich mal allein unterwegs, mal in Gesellschaft von netten Menschen, die sich meiner Führung zu Sehenswertem anvertrauen und daran Spass haben, nebenbei mache und die dann auch im Netz zu sehen sind, in jüngster Zeit führen erstaunlicherweise zu der (interessanten, aber völlig irrigen) Meinung einiger Menschen, mich als offenkundig erzkatholisch und ebenso offenkundiges Parteimitglied einer bestimmten Partei zuzuordnen. Schon ein bayerischer Löwe im Bild macht einen quasi zum Parteimitglied der Partei, die in Bayern den Löwenanteil im Landtag und im Kabinett einnimmt.

So, wie ich so manches Mal als Anwältin bei Gerichts- und anderen Verhandlungen, bei Kongressen oder Vorträgen nicht nur in Berlin oder Hamburg  überrascht  empfangen wurde, weil ich – obschon aus Bayern kommend – kein Dirndl trüge oder überraschenderweise völlig dialektfrei und erfreulich verständlich spräche. Was dann insgeheim besonders erheitert, wenn dies von jemandem geäussert wird, der heftig berlinert, schwäbelt oder sächselt. Alles charmante Dialekte, by the way. Dass und warum und wie man dann die “Kleiderfrage” und auch Sprache und Dialekte bewusst einsetzen kann, bewusst und mit spielerischem Vergnügen (und damit meine ich weder eine kurze Rocklänge, noch tieferes Dekolleté, bien entendu) ist ein anderes Thema. Mit heiteren Anekdoten wie anlässlich eines Fluges von München nach Berlin in einem schwarzem Kostüm mit einer Jacke, die einen leichten Uniformtouch in Schnitt, dem Stehkragen und der Stickerei am Stehkragen, mit den Knöpfen und gestickten  Ärmelstreifen hatte und die mir beinahe eine Vorzugsbehandlung eingetragen hat, als “Kollegin” der Airline auf einen der ersten Klasse Plätze umgebucht zu werden, ohne dass ich das wollte oder merkte. Auch das – ein Beispiel für irrige Wahrnehmung und Einsortiertwerdens in Schubladen.

Zur Wahl der Kleidung fühlen sich zwischenzeitlich hinreichende Zahl von Stilberatern als eigener Beruf  berufen, die aber bei allem, was nach der märchenhaften Regel “Kleider machen Leute” sicher seinen Teil Berechtigung hat, nur den ersten Eindruck glatt über die Bühne gehen lassen können. Nicht aber Kompetenz im Übrigen ersetzen. Wo eine andere märchenhafte Lektion nicht aus dem Auge zu verlieren ist: Wie leicht sich Verstand und Meinung in der Masse bilden und manipulieren lassen durch Schein und Illusion und nur Kindermund kund tut, dass einer bar jeder Ausstattung an Stoff und Material ist, das ihn nicht unverhüllt und nackich durch das huldigende Volk stolziert. Wenig kompetent zu erkennen, was er hat und nicht (an) hat. Wenig kompetent zu erkennen, welcher “Fachberater” er sich da bediente, die ihn bloss zu stellen, keine Scheu und Hemmung kannten, aber sein Honorar kassierten.

Man könnte auch bei einigen Labels und Siegeln, die Kleidung und Waren heute eine besondere Qualität und Wert für Kunden verleihen sollen, ähnliches sehen: Glaube macht selig und wenn nur ein Etikett “Öko” preist, zahlen manche jeden Preis. In der Meinung, dieses Bild, dieses Etikett sei die ganze Wahrheit.

So spiegeln sich in jeder Reaktion auf Themen rund um vegetarisches, veganes oder nicht auf Fleisch und Fisch verzichtendes Essen ähnliche Vorurteile und Klischees. Und wer einen Schweinskopf auf der Schulter eines Kochs in einem Bild nicht skandalös findet, muss ja ein respektloser Tiermörder sein.

Das wäre an sich nur erheiternd, würden aus dieser Fehlinterpretation nicht weitere klischeehafte Vorurteile spriessen, die mir dann auffallend gehäuft nach Fotoserien mit Kirchenfotos in Diskussionen um rechtliche oder gesellschaftliche oder medizinische Themen aller Art begegnen mit Sätzen wie “Naja, bei der Partei, der Sie ja offenbar angehören” oder “Kein Wunder, das ist ja bei Katholiken so….. “.

Schubladen. In die man durch Fotos von Kirchen flutschen kann. Geschubbst.

“Nicht für das, was andere denken, bin ich verantwortlich. Nur für das, was ich bin.”

…….ist eine meiner Lebensmaximen.

Und wo die Mehrheit der Menschen bei den Grund- und Verfassungsrechten immer auf den Teil der Rechte pocht, etwas sagen oder sein oder tun zu dürfen, wie bei der Meinungsäusserungs-, der Religions-, der Streik-, der Parteifreiheit usw (den sog. positiven Grundrechten), schätze ich in mindestens gleich hohem Maße, wenn nicht sogar manchmal höher, ihre spiegelbildliche Seite, die der (nur!) so genannten , aber sehr guten negativen Grundrechte: Alles das nicht tun zu müssen, vor allem aber sich dazu nicht äussern zu müssen. Auch nicht dazu, ob überhaupt und wenn ja, welcher Religion oder Partei man angehört oder Sympathie entgegenbringt in Form von Wählerstimme oder sonst. Oder welche Meinung man zu diesem oder jenem Thema hat.

So gibt es keinen Anlass, Menschen, die sich ohne objektiv dazu Fakten und Grund zu haben, in ihrer klischeehaftem Bild korrigieren zu wollen oder müssen. Man kann Menschen selten ihr liebgewordenes Klischee ausreden, jedenfalls denen nicht, die es als Alibi für ihre Meinung über Person oder Ansichten eines anderen nur zu gern polemisch oder unsachlich heranziehen wollen. Erst recht, wenn sie sonst keine fundierten und sachlichen Gegenargumente haben.

Höchstens mag es diabolisches Vergnügen bereiten, solche Menschen mit Fleiss und grad zweimal so vielen Kirchenbildern zu noch mehr irrigen Meinungen zu verleiten und mit doppeltem Vergnügen zu erleben, was passiert, wenn sie irgendwann dann von der Wahrheit bei passender Gelegenheit angesprungen werden und ihre eigene Fehlvorstellung erkennen müssten. Müssten. Es gibt leider genug Menschen, die auch dann immer noch ein Schlupfloch für ihre ganz eigenen Wahrheiten finden und warum sie lieber an Klischees baumelnd festhalten. Jedem seinen Aberglauben, wenn’s ihn selig macht. Und keinem anderen schadet.

Ich finde ja Sternschnuppen hübsch. Wenn man so in den Himmel guggt und über die eigenen Wünsche nachdenkt, am Abend eines Tages. Oder am frühen Morgen. Scherzi aparte! Lassen wird das…. zurück zum Ernst des Themas.

Aber es ist immer wieder interessant, überraschend, manchmal ein bisschen vorhersehbar, immer aber lehrreich, wie Menschen sich ihr Bild von Bildern und aus Bildern machen.

Und so könnte man die Redensart

“Kleider machen Leute”

ummünzen in

“Bilder machen Leute”

Spätestens bei der Wahl der Bilder in der Tagesberichterstattung lässt sich abbilden, wie manipulierbar die öffentliche Wahrnehmung dann beim Leser ist, je nachdem welches mehr oder weniger vorteilhafte Bild eines Menschen per se oder in einer Situation, mit welcher für den Sekundenbruchteil eingefangenen Mimik oder Geste die weitere Meinungsbildung zu einem Thema oder einem Prozess, einem Anklagevorwurf oder blossem Tatverdacht bestimmen kann. Neutralität der (Bild-)Berichterstattung ist mehr als einen Blick und Kritikpunkt wert.

Und nicht nur das ist aufschlussreich für die eigene Arbeit – ob als Anwältin, Juristin, Fotografin oder Fotojournalisti: Welche Meinungen irrig, zufällig, bewusst, leichtfertig, oberflächlich, bereitwillig, unbewusst, bequemerweise, tunnelblickartig, durch Bilder gebildet werden. Und wie anfällig vermeintliche Wahrheiten sind bei denen, die sich allein mit einem Bild glauben, ein Bild machen zu können von der einen, einzigen Wahrheit, die sie sehen wollen. Oder können. Oder auch nicht.

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